Frauen altern anders, und das ändert mehr, als du denkst
von Cordelia Jülich, Heilpraktikerin & Fasten-Wander-Leiterin mit über 27 Jahren Erfahrung · Lesezeit ca. 7 Minuten
Wenn ich in einer Fastenwoche abends in die Runde schaue, sitzen dort fast nur Frauen. Die meisten sind zwischen 45 und 70. Und fast jede erzählt mir irgendwann dieselbe Geschichte: Irgendwann hat der Körper angefangen, sich anders zu verhalten. Der Schlaf wurde dünner. Das Gewicht wanderte in die Mitte, obwohl sich am Essen nichts geändert hatte. Die Kraft ließ nach, langsam, aber spürbar. Und beim Arzt hieß es: Ihre Werte sind unauffällig.
Diese Frauen bilden sich nichts ein. Sie erleben etwas, das lange kaum jemand systematisch untersucht hat: Frauen altern anders als Männer.
Vier Jahre mehr, aber nicht automatisch vier gute Jahre
Fangen wir mit der bekannten Zahl an. Nach der Sterbetafel 2025 des Statistischen Bundesamtes liegt die Lebenserwartung bei Geburt für Frauen bei 83,6 Jahren, für Männer bei 79,1 Jahren. Wer als Frau 65 wird, hat statistisch noch 21,2 Jahre vor sich, ein Mann 18,2 Jahre.
Vier Jahre Vorsprung klingen gut. Sie sagen aber nichts darüber, wie diese Jahre aussehen. In der Longevityforschung geht es genau um diesen Unterschied: nicht um die Lebensspanne, sondern um die Gesundheitsspanne. Also um die Jahre, in denen du deinen Alltag selbst gestaltest, deine Treppe selbst hochgehst, deinen Kopf klar hast.
Und da wird es interessant. Der Vorsprung bei den Lebensjahren ist deutlich. Der Vorsprung bei den beschwerdefreien Jahren ist es nicht.
Was sich um 45 herum verschiebt
Der größte Einschnitt im weiblichen Körper hat einen Namen, über den lange nicht geredet wurde. Mit den Wechseljahren geht das Östrogen zurück, und Östrogen ist weit mehr als ein Fortpflanzungshormon. Es wirkt auf die Gefäße, auf den Fettstoffwechsel, auf den Knochen, auf den Schlaf, auf die Körperzusammensetzung.
Was viele Frauen deshalb ab Mitte vierzig beobachten:
- Das Fett verlagert sich von Hüfte und Oberschenkel in den Bauchraum, oft ohne dass das Gewicht auf der Waage stark steigt.
- Muskelmasse geht schneller verloren, wenn nichts dagegen getan wird. Muskeln sind aber der Ort, an dem Zucker verbrannt wird.
- Die Blutfette verändern sich, häufig ungünstig.
- Der Schlaf wird störanfälliger, und schlechter Schlaf verändert Appetit und Blutzucker am nächsten Tag.
- Der Knochen verliert Substanz, in den ersten Jahren nach der letzten Blutung am schnellsten.
Das ist kein Versagen und keine Frage der Disziplin. Das ist Biologie. Wichtig ist nur, dass du weißt, was gerade passiert. Denn dann kannst du gezielt reagieren, statt an einem Programm zu verzweifeln, das für einen 30 Jahre alten Männerkörper gemacht wurde.
Das Herz, das übersehen wird
Der Punkt, der mich am meisten beschäftigt, ist das Herz.
Solange der Körper eigenes Östrogen bildet, ist er beim Thema Gefäße im Vorteil. Herzgefäßerkrankungen zeigen sich bei Frauen im Schnitt erst um das 60. Lebensjahr, etwa zehn Jahre später als bei Männern. Dieser Vorteil verschwindet nach den Wechseljahren nach und nach. Übrigens: Die frühere Annahme, eine Hormonersatztherapie senke deshalb pauschal das Herzrisiko, hat sich nicht bestätigt.
Und dann kommt das eigentliche Problem. Ein Herzinfarkt sieht bei Frauen oft anders aus als im Lehrbuch. Statt des großen Drucks auf der Brust mit Ausstrahlung in den linken Arm können plötzliche starke Übelkeit mit Erbrechen, Atemnot, Schmerzen im Oberbauch, im Rücken oder im Nacken und eine ungewöhnliche Erschöpfung im Vordergrund stehen.
Die Folge lässt sich beziffern. Nach Daten des Berlin-Brandenburger Herzinfarktregisters kommen Frauen mit einem Herzinfarkt im Schnitt 30 Minuten später in die Klinik als Männer. Und Frauen sterben an ihrem ersten Herzinfarkt fast doppelt so häufig wie Männer.
Diese 30 Minuten entstehen nicht in der Notaufnahme. Sie entstehen vorher, am Küchentisch, beim Abwarten, beim Denken, es wird schon der Magen sein.
Deshalb hier ganz unmissverständlich: Wenn du solche Beschwerden hast und sie dir nicht erklären kannst, warte nicht ab und ruf die 112. Lieber einmal zu oft als einmal zu spät.
Warum die Forschung so spät hingeschaut hat
Es gibt einen Grund, warum vieles davon erst jetzt breit diskutiert wird. Medizinische Studien wurden über Jahrzehnte überwiegend an Männern durchgeführt, und die Ergebnisse wurden auf Frauen übertragen. Dosierungen, Grenzwerte, Symptombeschreibungen, all das stammt oft aus einer Datenlage, in der Frauen unterrepräsentiert waren.
Die Gendermedizin arbeitet genau daran. Sie fragt nicht, ob Frauen kränker sind, sondern ob sie anders krank werden, anders reagieren und anders behandelt werden müssten.
Wenn du dich in das Thema einlesen möchtest, empfehle ich dir das Buch von Sandra Eifert, Herzchirurgin am Herzzentrum Leipzig, mit dem Titel „Wie Frauen länger leben. Das Geheimnis weiblicher Longevity“, erschienen im Januar 2026. Sie beschreibt die Umbrüche um 45, um 60 und um 70 aus klinischer Erfahrung heraus, ohne Panikmache und ohne Wunderversprechen.
Was das für deinen Alltag bedeutet
Aus 27 Jahren Fastenbegleitung sage ich dir: Die Frauen, denen es über die Jahre am besten geht, machen selten etwas Spektakuläres. Sie machen ein paar Dinge dauerhaft.
- Eiweiß und Muskeln. Wer ab 45 nichts für die Muskulatur tut, verliert sie. Kraft im Alltag ist der beste Schutz vor dem Verlust von Selbstständigkeit.
- Bewegung, die zum Leben passt. Zügiges Gehen, Treppen, Tragen. Es muss kein Studio sein.
- Schlaf ernst nehmen. Er ist keine Restgröße, sondern Grundlage.
- Deine Zahlen kennen. Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Schilddrüse. Nicht aus Angst, sondern weil man nur steuern kann, was man kennt.
- Regelmäßige Pausen vom Dauerangebot. Der Körper ist nicht darauf ausgelegt, 16 Stunden am Tag zu verdauen.
Und wo passt Fasten hinein?
Ehrlich gesagt: nicht als Ersatz für irgendetwas davon. Fasten ersetzt keine Vorsorge und keine ärztliche Behandlung.
Es lohnt sich außerdem, genau hinzuschauen, welches Verfahren gemeint ist, wenn von Fasten die Rede ist. Ende 2025 erschien in Science Translational Medicine die ChronoFast Studie vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung und der Charité. 31 Frauen mit Übergewicht aßen darin jeweils zwei Wochen lang in einem frühen Zeitfenster von 8 bis 16 Uhr und zwei Wochen lang in einem späten von 13 bis 21 Uhr, bei gleicher Kalorienmenge. Das Ergebnis: An Insulinempfindlichkeit, Blutzucker, Blutfetten und Entzündungswerten änderte sich nichts Bedeutsames. Verschoben hat sich die innere Uhr, um rund 40 Minuten.
Für mich ist das eine wichtige Einordnung. Ein verkürztes Essensfenster ist ein Rhythmusgeber. Wer 16/8 macht und dabei genauso viel isst wie vorher, sollte keine großen Veränderungen im Stoffwechsel erwarten.
Eine begleitete Fastenwoche ist etwas anderes als ein spätes Frühstück. Die bislang größte Untersuchung dazu erschien 2019 im Fachjournal PLOS ONE: Ein Team um die Fastenärztin Françoise Wilhelmi de Toledo wertete Daten von 1422 Menschen aus, die unter Begleitung 4 bis 21 Tage nach Buchinger gefastet hatten. Das Fasten wurde gut vertragen, das körperliche und seelische Wohlbefinden stieg über die Fastenzeit an, und rund 93 Prozent berichteten, keinen Hunger verspürt zu haben. Eine Beobachtungsstudie ist kein Wirksamkeitsnachweis im Einzelfall. Aber sie zeigt, dass begleitetes Fasten ein gut untersuchter Weg ist.
Was viele meiner Teilnehmerinnen mir zusätzlich berichten: ein klarerer Kopf, ruhigerer Schlaf, ein leichteres Körpergefühl. Und häufig etwas, das mir fast wichtiger ist: Sie merken zum ersten Mal seit Langem wieder, wann sie satt sind.
Ein Hinweis, der dazugehört: Fasten eignet sich nicht für jede. Bei Schwangerschaft, Stillzeit, Untergewicht oder einer Essstörung ist es nicht geeignet. Wenn du Vorerkrankungen hast oder dauerhaft Medikamente nimmst, sprich bitte vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Medikamente werden nie eigenmächtig verändert oder abgesetzt.
Mein Fazit
Frauen bekommen im Schnitt ein paar Jahre geschenkt. Was sie nicht geschenkt bekommen, ist die Qualität dieser Jahre. Die entsteht aus vielen kleinen, unspektakulären Entscheidungen, die um die Lebensmitte herum anfangen zu zählen.
Und aus dem Wissen darüber, was im eigenen Körper gerade passiert. Denn wer versteht, warum sich etwas verändert, hört auf, gegen sich selbst zu kämpfen.
Quellen
- Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 236 vom Juli 2026, Sterbetafel 2025
- Berlin-Brandenburger Herzinfarktregister, zitiert nach der Senatsverwaltung Berlin, Stand Januar 2020
- Peters et al., Intended isocaloric time-restricted eating shifts circadian clocks but does not improve cardiometabolic health in women with overweight, Science Translational Medicine 2025
- Wilhelmi de Toledo et al., Safety, health improvement and well-being during a 4 to 21-day fasting period, PLOS ONE 2019
Häufige Fragen
- Altern Frauen wirklich anders als Männer?
- Ja. Der Rückgang des Östrogens in den Wechseljahren verändert Gefäße, Fettstoffwechsel, Knochen, Schlaf und Körperzusammensetzung in einer Weise, die es bei Männern so nicht gibt. Frauen leben im Schnitt länger, verbringen diese zusätzlichen Jahre aber nicht automatisch beschwerdefrei.
- Warum wird ein Herzinfarkt bei Frauen häufiger übersehen?
- Weil er sich oft anders zeigt als im Lehrbuch: statt des typischen Brustdrucks eher plötzliche starke Übelkeit mit Erbrechen, Atemnot, Schmerzen im Oberbauch, Rücken oder Nacken und ungewöhnliche Erschöpfung. Nach Daten des Berlin-Brandenburger Herzinfarktregisters kommen Frauen im Schnitt 30 Minuten später in die Klinik. Bei unklaren Beschwerden gilt: nicht abwarten, 112 rufen.
- Was ändert sich in den Wechseljahren am Stoffwechsel?
- Das Fett verlagert sich in den Bauchraum, Muskelmasse geht schneller verloren, die Blutfette verändern sich häufig ungünstig, der Schlaf wird störanfälliger und der Knochen verliert in den ersten Jahren nach der letzten Blutung am schnellsten an Substanz.
- Hilft Intervallfasten Frauen in den Wechseljahren?
- Als Rhythmusgeber ja, als Stoffwechselhebel nur begrenzt. In der ChronoFast Studie von 2025 änderte ein Essensfenster bei gleicher Kalorienmenge nichts Bedeutsames an Insulinempfindlichkeit, Blutzucker, Blutfetten und Entzündungswerten. Verschoben hat sich vor allem die innere Uhr.
- Was zählt für die Gesundheitsspanne am meisten?
- Muskeln und ausreichend Eiweiß, alltagstaugliche Bewegung, ernst genommener Schlaf, die eigenen Werte kennen (Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Schilddrüse) und regelmäßige Essenspausen. Wenige Dinge, dafür dauerhaft.
Möchtest du eine Fastenwoche einmal in Begleitung erleben?
Vom 10. bis 19. Oktober fasten wir gemeinsam nach der Methode Buchinger, jede bei sich zu Hause: zwei Entlastungstage, fünf Fastentage, drei Aufbautage, jeden Abend um 19 Uhr im Livecall. Hier findest du alle Informationen zum begleiteten Onlinefasten.
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wenn du Beschwerden hast, Vorerkrankungen mitbringst oder dauerhaft Medikamente nimmst, sprich bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.