
von Cordelia Jülich, Heilpraktikerin & Fasten-Wander-Leiterin mit über 27 Jahren Erfahrung · Lesezeit ca. 9 Minuten
Es gibt einen Moment in jeder Fastenwoche, den ich inzwischen vorhersagen kann.
Meist ist es der dritte Tag, manchmal der vierte. Eine Teilnehmerin, die am Vortag noch mit Kopfschmerzen und schlechter Laune neben mir hergegangen ist, dreht sich beim Wandern um und sagt: „Merkwürdig – mir geht es plötzlich richtig gut."
Der Hunger ist weg. Der Kopf ist klar. Die Beine tragen wieder.
Was da passiert ist, hat einen Namen: Ketose. Der Körper hat seine Energieversorgung umgestellt. Und ich finde, das ist einer der faszinierendsten Vorgänge, zu denen unser Organismus fähig ist – nicht zuletzt, weil er zeigt, wie gut wir eigentlich für Nahrungspausen gebaut sind.
In diesem Artikel erkläre ich dir, was Ketose genau bedeutet, wann sie einsetzt, woran du sie erkennst und warum ich sie in meiner Arbeit als begleitete Fastenwoche für den entscheidenden Wendepunkt halte.
Und ich teile meine eigenen Messwerte mit dir – ich habe eine komplette Fastenwoche lang meinen Blutzucker aufgezeichnet. Das Ergebnis hat mich selbst überrascht.
Mehr dazu: meinen Leitfaden zum Fastenwandern
Was Ketose eigentlich ist
Dein Körper hat zwei Möglichkeiten, seine Zellen mit Energie zu versorgen.
Der Normalfall: Er verbrennt Glukose – Zucker aus der Nahrung. Was er nicht sofort braucht, speichert er als Glykogen in Leber und Muskulatur.
Der Fastenfall: Wenn keine Nahrung kommt und die Glykogenspeicher leer sind, schaltet er um. Die Leber beginnt, aus Fettsäuren sogenannte Ketonkörper herzustellen. Das sind kleine Moleküle, die als alternativer Brennstoff dienen.
Es gibt drei davon: Beta-Hydroxybutyrat, Acetoacetat und Aceton. Das erste ist mengenmäßig das wichtigste, das letzte für einen Effekt verantwortlich, auf den ich gleich zurückkomme.
Der entscheidende Punkt: Das Gehirn kann Ketonkörper hervorragend nutzen. Es deckt in tiefer Ketose einen erheblichen Teil seines Energiebedarfs damit. Das erklärt, warum die geistige Klarheit beim Fasten nicht leidet, sondern bei vielen sogar zunimmt.
Warum wir das überhaupt können
Diese Fähigkeit ist kein Zufall, sondern ein Überlebensmechanismus.
Unsere Vorfahren hatten keinen Kühlschrank. Nahrung kam unregelmäßig, und Phasen ohne Essen waren die Regel, nicht die Ausnahme. Ein Organismus, der in solchen Phasen geistig abbaut, hätte schlechte Karten gehabt – gerade dann muss man ja jagen, sammeln, Entscheidungen treffen.
Die Ketose ist die Antwort der Evolution auf dieses Problem. Sie ist kein Notprogramm. Sie ist ein zweiter, vollwertiger Betriebsmodus, den wir in der modernen Ernährungswelt fast nie noch aktivieren.
Der Zeitverlauf: Wann die Ketose einsetzt
Stunde 0 bis 24: Die Speicher leeren sich
Nach der letzten Mahlzeit zehrt der Körper zunächst vom Glykogen. Diese Speicher fassen etwa 300 bis 500 Gramm und reichen ungefähr einen Tag – bei körperlicher Aktivität deutlich kürzer.
Nebenbei: Glykogen bindet Wasser, etwa drei Gramm pro Gramm. Das erklärt den beeindruckenden Gewichtsverlust der ersten beiden Fastentage. Es ist noch kein Fett, es ist Wasser. Wer das nicht weiß, ist am dritten Tag enttäuscht, wenn die Waage langsamer wird.
Stunde 24 bis 72: Die Umstellung
Jetzt kommt der anspruchsvolle Teil. Die Glykogenspeicher sind leer, aber die Ketonproduktion läuft noch nicht auf vollen Touren. Der Körper überbrückt mit zwei Prozessen:
Gluconeogenese – die Leber stellt aus Eiweißbausteinen und Glycerin neuen Zucker her. Bestimmte Zellen, etwa rote Blutkörperchen, brauchen zwingend Glukose und können keine Ketone nutzen.
Beginnende Ketogenese – parallel steigt die Ketonproduktion langsam an.
In dieser Übergangsphase liegt die sogenannte Fastenkrise: Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Frösteln, manchmal Übelkeit. Sie ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Sie ist das Zeichen, dass die Umstellung im Gange ist.
Weiterlesen: warum Tag 2 der schwerste ist
Ab Stunde 72: Die etablierte Ketose
Und dann kippt es. Die Ketonproduktion erreicht ein Niveau, auf dem sie den Bedarf zuverlässig deckt.
Genau hier liegt der Moment, den ich am Anfang beschrieben habe. Der Hunger verschwindet – nicht durch Willenskraft, sondern weil der Körper kein Mangelsignal mehr sendet. Er hat, was er braucht.
Warum Bewegung das beschleunigt
Und hier liegt der Vorteil des Fastenwanderns gegenüber der klassischen Liegekur.
Wer sich bewegt, leert seine Glykogenspeicher schneller. Die Umstellung beginnt früher, die unangenehme Übergangsphase verkürzt sich. Bei meinen Wanderwochen erlebe ich die Ketose regelmäßig einen halben bis ganzen Tag früher, als es die Lehrbuchwerte vermuten lassen.
Für die Teilnehmerinnen bedeutet das ganz praktisch: einen Tag weniger Kopfschmerzen.
Meine eigenen Messwerte aus einer Fastenwoche
Ich bin Heilpraktikerin, keine Forscherin. Aber ich bin neugierig – und wollte es genau wissen.
Deshalb habe ich mir während einer kompletten Fastenwoche einen Glukosesensor angelegt, ein FreeStyle Libre, wie ihn Diabetiker verwenden. Er misst kontinuierlich den Gewebezucker, Tag und Nacht.
Das Ergebnis: Mein Blutzucker blieb die gesamte Woche stabil zwischen 80 und 100 mg/dl.
Sechs Tage ohne feste Nahrung. Ohne ein einziges Gramm Zucker von außen. Und der Wert bewegte sich durchgehend im normalen Bereich – keine Unterzuckerung, kein Absturz, keine dramatischen Schwankungen.
Ich habe eine Weile auf diese Kurve geschaut.
Denn das ist genau die Sorge, die mir Teilnehmerinnen im Vorgespräch am häufigsten nennen: *„Ich bekomme doch eine Unterzuckerung, wenn ich nichts esse."* Meine Messung zeigt, warum das bei gesunden Menschen nicht passiert. Der Körper regelt es selbst – über Gluconeogenese und Ketonproduktion, präzise und ohne unser Zutun.
Ich möchte fair bleiben: Das ist eine einzelne Messung an einer einzelnen Person, keine Studie. Bei Menschen mit Diabetes oder unter blutzuckersenkenden Medikamenten sieht die Sache anders aus – für sie gilt zwingend die ärztliche Abstimmung.
Aber für mich war es ein eindrucksvoller Beleg für etwas, das ich seit Jahrzehnten beobachte: Der Körper weiß, was er tut.

Woran du die Ketose erkennst
Du brauchst keine Messgeräte. Dein Körper sendet deutliche Signale.
Der Mundgeruch
Das häufigste und zuverlässigste Zeichen. Aceton, einer der drei Ketonkörper, ist flüchtig und wird über die Lunge abgeatmet. Der Geruch wird als leicht fruchtig oder wie Nagellackentferner beschrieben.
Viele finden das unangenehm. Ich sage meinen Teilnehmerinnen: Freut euch darüber. Es ist der Beweis, dass die Umstellung geschafft ist. Zungenschaber und reichliches Trinken lindern es.
Der verschwundene Hunger
Das überraschendste Signal. Nach dem dritten Tag berichten fast alle, dass der Hunger nicht mehr da ist – und viele sind regelrecht verblüfft darüber.
Die geistige Klarheit
Ein Zustand, den viele als „aufgeräumt" beschreiben. Konzentration und Stimmung heben sich oft deutlich.
Die zurückkehrende Energie
Am ersten und zweiten Tag fällt das Wandern schwer. Ab Tag drei tragen die Beine wieder – manchmal besser als im Alltag.
Wenn du es messen möchtest
Es gibt Teststreifen für den Urin, die Acetoacetat anzeigen. Sie sind günstig und für den Einstieg völlig ausreichend.
Ein Hinweis dazu: Die Streifen werden bei fortgeschrittener Ketose oft *schwächer*, nicht stärker. Das verunsichert viele. Der Grund ist harmlos – der Körper lernt, die Ketone effizienter zu nutzen, und scheidet weniger ungenutzt aus. Genauer sind Blutmessgeräte, aber für eine normale Fastenwoche braucht es die nicht.
Mein ehrlicher Rat: Miss lieber weniger und spüre mehr. Die Signale deines Körpers sind aussagekräftig genug.
Ketose beim Fasten und ketogene Ernährung – nicht dasselbe
Diese Verwechslung begegnet mir oft, deshalb kurz die Abgrenzung.
Bei einer ketogenen Ernährung isst du sehr fettreich und fast ohne Kohlenhydrate. Auch das führt in die Ketose – aber es ist ein Dauerzustand, mit reichlicher Nahrungszufuhr.
Beim Fasten entsteht die Ketose durch das Ausbleiben von Nahrung. Und das ist der entscheidende Unterschied: Nur beim Fasten läuft parallel die Autophagie an, die zelluläre Selbstreinigung, für deren Erforschung Yoshinori Ohsumi 2016 den Medizinnobelpreis erhielt.
Bei der ketogenen Ernährung fehlt dieser Teil weitgehend, denn dafür braucht es echten Nahrungsverzicht.
Für mich ist das der Grund, warum eine Fastenwoche mehr ist als eine Stoffwechselumstellung. Sie ist ein Frühjahrsputz auf Zellebene.
Ausführlich hier: wie die Zellreinigung funktioniert
Ein Missverständnis, das ich ausräumen möchte
Wenn von Ketose die Rede ist, kommt manchmal der Einwand: „Ist das nicht gefährlich? Ich habe von Ketoazidose gehört."
Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, und die Verwechslung erzeugt unnötige Angst.
Die Ketoazidose ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der fast ausschließlich bei Typ-1-Diabetes auftritt, wenn Insulin fehlt. Die Ketonkonzentration steigt dabei auf ein Vielfaches an und übersäuert das Blut.
Die Fastenketose bewegt sich in einem völlig anderen Bereich. Bei gesunden Menschen ist der Prozess durch die verbliebene Insulinproduktion streng begrenzt – der Körper kann gar nicht in gefährliche Bereiche geraten.
Deshalb steht Typ-1-Diabetes auf meiner Liste der klaren Kontraindikationen. Für gesunde Menschen ist die Fastenketose ein normaler, regulierter Zustand.
Nach der Fastenwoche: die Ketose wieder verlassen
Was viele nicht bedenken: Der Ausstieg aus der Ketose braucht genauso Sorgfalt wie der Einstieg.
Beim Fastenbrechen bekommt dein Körper die erste Glukose seit Tagen. Die Insulinausschüttung springt an, der Stoffwechsel schaltet zurück. Wer diesen Moment mit einer großen Mahlzeit überfordert, spürt das unmittelbar – Kreislaufprobleme, Völlegefühl, Verdauungsbeschwerden.
Deshalb: ein reifer Apfel, langsam gegessen. Dann drei bis vier Aufbautage mit sanft Gegartem. Meine Faustregel bleibt: etwa ein Drittel der Fastenzeit für den Aufbau einplanen.
Vertiefend: wie das Fastenbrechen gelingt · wie der Aufbau gelingt
Mein Fazit
Die Ketose ist der Wendepunkt jeder Fastenwoche. Vor ihr liegt die Anstrengung, nach ihr die Leichtigkeit.
Wer das versteht, geht anders in die schwierigen ersten Tage. Die Kopfschmerzen am zweiten Tag sind dann kein Grund abzubrechen, sondern ein Zwischenschritt mit absehbarem Ende.
Und was mich nach über 27 Jahren immer noch berührt: Wir müssen dafür nichts tun. Keine Präparate, keine Technik, kein Geld. Der Körper kann das. Er wartet nur darauf, dass wir ihm die Gelegenheit geben.
Du möchtest diesen Moment selbst erleben?
Bei meinen begleiteten Fastenwanderungen führe ich dich durch die Umstellung – in Chorin, der Sächsischen Schweiz, in Prerow oder in Polen. Und weil wir täglich wandern, kommst du meist schneller in die Ketose als beim Fasten zu Hause. Wenn du lieber von zu Hause startest, ist das begleitete Online-Fasten dein Einstieg.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung oder Diagnose. Bei Diabetes, Stoffwechselerkrankungen oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme sprich vor einer Fastenwoche bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.