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Jason Fung: Diabetes rückgängig machen

15. August 20266 Min. Lesezeit
Blutzuckermessgerät, Stethoskop, Maßband, Birne und Äpfel auf einem Holztisch

von Cordelia Jülich, Heilpraktikerin & Fasten-Wander-Leiterin mit über 27 Jahren Erfahrung · Lesezeit ca. 6 Minuten

Wenn mich jemand nach einem Buch zum Thema Insulin und Fasten fragt, lande ich fast immer bei diesem einen Titel. Jason Fung ist Nierenarzt in Toronto und hat über Jahre Menschen betreut, deren Nieren durch Typ-2-Diabetes zerstört wurden. Aus dieser Erfahrung ist ein Buch entstanden, das im Original „The Diabetes Code“ heißt und auf Deutsch bei riva unter dem Titel „Diabetes rückgängig machen. Typ-2-Diabetes natürlich verhindern und umkehren“ erschienen ist.

Es ist kein neues Buch, es stammt aus dem Jahr 2018. Aber es ist immer noch dasjenige, das den Zusammenhang zwischen Insulin, Ernährung und Fasten am verständlichsten erklärt. Und es ist eines der wenigen Bücher, die ich Teilnehmerinnen mitgebe und danach in veränderter Haltung zurückbekomme.

Worum es geht

Fungs zentrale These lautet: Typ-2-Diabetes ist keine Krankheit des hohen Blutzuckers, sondern eine Krankheit des zu hohen Insulins. Wer nur den Zucker senkt, ohne das Insulin zu senken, behandelt die Anzeige und nicht die Ursache. Genau deshalb, so Fung, werde die Erkrankung unter der üblichen Therapie über die Jahre schlimmer statt besser.

Sein Bild dafür ist der überfüllte Koffer. Die Zellen sind randvoll mit Zucker, es passt nichts mehr hinein. Mehr Insulin zu geben heißt, sich auf den Koffer zu setzen, um ihn doch noch zuzubekommen. Das funktioniert eine Weile und macht das Grundproblem größer. Wer den Koffer leeren will, muss aufhören, weiter hineinzupacken. Genau das leistet Fasten.

Daraus entwickelt Fung seine beiden Werkzeuge: weniger Zucker und weniger raffinierte Kohlenhydrate auf der einen Seite, echte Essenspausen bis hin zu längeren Fastenphasen auf der anderen. Beides sehr klar geschrieben, mit vielen Fallbeispielen aus seiner Klinik. Wenn du wissen möchtest, was dabei im Körper passiert, findest du das hier ausführlich: Was im Körper beim Fasten passiert.

Was das Buch großartig macht

  • Die Erklärung der Insulinresistenz ist die beste, die ich in einem Sachbuch für Laien gelesen habe. Nach zwanzig Seiten versteht man, warum sechs kleine Mahlzeiten am Tag bei Insulinresistenz keine gute Idee sind.
  • Fung nimmt Menschen mit Typ-2-Diabetes aus der Rolle des Schuldigen heraus und gibt ihnen etwas zurück, das ich für therapeutisch wertvoll halte: das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.
  • Er räumt mit dem Satz auf, Typ-2-Diabetes sei zwangsläufig fortschreitend. Das ist nach heutigem Stand tatsächlich falsch, Remission ist möglich, und dieser Perspektivwechsel ist das Verdienst des Buches.
  • Es liest sich gut. Kurze Kapitel, klare Sprache, keine Fachwortwolken.

Wo ich widerspreche

Und jetzt der Teil, den ich für genauso wichtig halte. Das Buch ist ein Standpunkt, kein Lehrbuch, und an mehreren Stellen geht Fung weiter, als die Datenlage trägt. Eine unabhängige wissenschaftliche Prüfung durch Red Pen Reviews kam auf eine Gesamtbewertung von 48 Prozent und bemängelte, dass bei 6 von 10 überprüften Quellenangaben die Belege die Aussage nur schwach stützten oder ihr sogar widersprachen.

Konkret sehe ich drei Punkte anders:

  • Die Abrechnung mit Medikamenten ist zu pauschal. Fung stellt Insulin und andere Blutzuckersenker fast durchweg als Teil des Problems dar. Das ist für viele Menschen schlicht nicht wahr und im ungünstigsten Fall gefährlich, weil es zum eigenmächtigen Absetzen verleitet.
  • Zucker als alleinige Ursache greift zu kurz. Die Studienlage zeigt hier ein deutlich gemischteres Bild, als das Buch nahelegt. Bewegungsmangel, Schlaf, Stress, Muskelmasse und die Menge des Leberfetts spielen ebenfalls eine große Rolle.
  • Die Erfolgsquoten klingen im Buch besser, als sie in kontrollierten Studien ausfallen. Realistisch sind Remissionsraten in der Größenordnung von 25 bis 50 Prozent, je nach Ausgangslage und Dauer der Erkrankung. Das ist beeindruckend genug und muss nicht schöngerechnet werden.

Kurz gesagt: Lies dieses Buch, um zu verstehen. Nicht, um dir daraus einen Behandlungsplan zu bauen. Für den Plan brauchst du deine Ärztin.

Die zweite Leseempfehlung

Wer nach Fung Lust auf eine ruhigere, breiter abgesicherte Darstellung hat, dem lege ich „Mit Ernährung heilen“ von Professor Andreas Michalsen ans Herz, erschienen im Insel Verlag. Michalsen leitet die Naturheilkunde an der Charité, forscht selbst zum Fasten und schreibt sehr viel vorsichtiger. Er ordnet ein, wo Fung zuspitzt, und er hat den Vorteil, dass er das deutsche Gesundheitssystem und die hiesige Esskultur kennt.

Die ideale Reihenfolge ist aus meiner Sicht: erst Fung für den Aha-Moment, dann Michalsen für das Augenmaß.

Für wen sich das Buch lohnt

  • Für alle mit der Diagnose Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes, die verstehen wollen, was in ihrem Körper vorgeht.
  • Für Menschen, die seit Jahren mit dem Bauchumfang kämpfen, ohne dass Diäten etwas ändern.
  • Für Fastenbegleiterinnen und Beraterinnen, die eine gute Erklärung für Kundinnen suchen.

Weniger geeignet ist es für Menschen, die zu Schwarzweißdenken beim Essen neigen, und für alle mit einer Essstörung in der Vorgeschichte. Fung argumentiert sehr entschieden, und Entschiedenheit kann in solchen Fällen mehr schaden als nützen.

Die Bücher

  • Jason Fung: Diabetes rückgängig machen. Typ-2-Diabetes natürlich verhindern und umkehren. riva Verlag, München.
  • Andreas Michalsen: Mit Ernährung heilen. Besser essen, einfach fasten, länger leben. Insel Verlag, Berlin.

Quellen

  • Unabhängige wissenschaftliche Bewertung des Buches durch Red Pen Reviews: redpenreviews.org
  • Andreas Michalsen, Mit Ernährung heilen, Verlagsseite: suhrkamp.de

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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Er ist keine Aufforderung, verordnete Medikamente abzusetzen oder zu verändern. Bei Typ-2-Diabetes gehört jede Änderung von Ernährung, Essenspausen oder Medikation ärztlich begleitet. Buchempfehlungen sind unbezahlt, es bestehen keine Affiliate-Beziehungen zu den genannten Verlagen.