Fasten bei Typ-2-Diabetes: was die Forschung wirklich zeigt

von Cordelia Jülich, Heilpraktikerin & Fasten-Wander-Leiterin mit über 27 Jahren Erfahrung · Lesezeit ca. 9 Minuten
Eine große Studie hat Fasten direkt gegen zwei gängige Diabetesmedikamente antreten lassen. Das Ergebnis überrascht selbst Fachleute. Was daraus folgt und was ausdrücklich nicht, habe ich hier zusammengetragen.
In meinen Fastenwochen sitzt fast immer jemand am Tisch, der die Diagnose schon hat. Meistens kommt die Frage erst am zweiten Abend, halblaut: „Darf ich das überhaupt, mit meinem Zucker?“ Die ehrliche Antwort lautet: Das kommt darauf an, und zwar sehr genau darauf an. Aber sie lautet eben nicht automatisch nein. Im Gegenteil, die Forschung der letzten Jahre hat beim Thema Fasten und Typ-2-Diabetes einiges in Bewegung gebracht.
Was bei Typ-2-Diabetes im Körper eigentlich passiert
Wir reden über Typ-2-Diabetes gern als Zuckerkrankheit. Das greift zu kurz. Der Blutzucker ist das, was wir messen. Das eigentliche Geschehen liegt eine Ebene tiefer und heißt Insulin.
Insulin ist das Hormon, das Zucker aus dem Blut in die Zellen bringt. Wer über Jahre häufig isst, viel Süßes und Stärkehaltiges dazu, hält den Insulinspiegel dauerhaft oben. Die Zellen reagieren darauf mit dem, was jede Zelle bei einem Dauerreiz tut: Sie stellen die Ohren auf Durchzug. Das nennen wir Insulinresistenz. Die Bauchspeicheldrüse antwortet mit noch mehr Insulin. Eine Weile funktioniert das. Irgendwann nicht mehr, und dann steigt der Blutzucker.
Das Bild, das ich in der Beratung gern benutze: Die Speicher sind voll. Leber und Muskeln nehmen nichts mehr auf, weil nichts mehr hineinpasst. Der Zucker bleibt im Blut stehen, weil er nirgendwo hin kann. Wer diesen Zusammenhang einmal verstanden hat, sieht sofort, warum ständiges Nachlegen kleiner Mahlzeiten das Problem nicht löst. Wie schnell selbst harmlos wirkende Lebensmittel den Blutzucker treiben, habe ich in Der Glukose-Trick und bei den versteckten Zuckern beschrieben.
Warum Fasten genau hier ansetzt
Fasten ist die einzige Maßnahme, die den Insulinspiegel wirklich weit nach unten bringt, und zwar für viele Stunden am Stück. Erst dann öffnet der Körper seine Speicher wieder. Er holt sich Energie aus dem Leberglykogen, danach zunehmend aus den Fettdepots, auch aus dem Fett, das sich in Leber und Bauchspeicheldrüse eingelagert hat. Wie dieser Umschaltvorgang abläuft, erkläre ich ausführlich in Ketose beim Fasten.
Genau dieses Organfett gilt heute als einer der zentralen Treiber des Typ-2-Diabetes. Wenn es zurückgeht, arbeitet die Bauchspeicheldrüse wieder besser. Das ist der Mechanismus hinter dem, was in Studien als Remission auftaucht: normale Blutzuckerwerte ohne Medikamente. Wer diesen Gedanken ausführlich nachlesen möchte: Jason Fung hat ihn in seinem Buch populär gemacht, meine Einordnung dazu steht in Diabetes rückgängig machen.
Die Studienlage: drei Untersuchungen, die man kennen sollte
Fasten gegen Metformin und Empagliflozin: die EARLY Studie
Die für mich beeindruckendste Untersuchung stammt aus China und wurde in JAMA Network Open veröffentlicht. 405 Menschen mit noch junger Typ-2-Diabetes-Diagnose wurden auf drei Gruppen verteilt. Eine Gruppe bekam Metformin, eine Gruppe Empagliflozin, die dritte fastete nach dem 5:2-Prinzip mit einer definierten Formulanahrung an den beiden Fastentagen. 16 Wochen lang, danach acht Wochen Nachbeobachtung.
Das Ergebnis: Die Fastengruppe senkte den Langzeitblutzucker am stärksten, um 1,9 Prozentpunkte. Metformin kam auf 1,6, Empagliflozin auf 1,5 Prozentpunkte. Beim Gewicht war der Abstand noch deutlicher: knapp 10 Kilogramm in der Fastengruppe gegenüber rund 5,5 beziehungsweise 5,8 Kilogramm unter Medikation.
Das heißt nicht, dass Fasten Medikamente ersetzt. Es heißt, dass eine strukturierte Fastenform bei früh erkanntem Typ-2-Diabetes in derselben Größenordnung wirkt wie eine medikamentöse Ersttherapie. Das ist eine bemerkenswerte Aussage.
Remission, die ein Jahr hält
Die zweite Untersuchung ist kleiner, dafür in ihrer Botschaft noch stärker. 72 Menschen mit Typ-2-Diabetes, im Schnitt seit Jahren erkrankt, durchliefen drei Monate lang wiederkehrende Zyklen: jeweils fünf stark kalorienreduzierte Fastentage im Wechsel mit zehn normalen Essenstagen.
Nach drei Monaten waren 47,2 Prozent der Fastengruppe in Remission, in der Vergleichsgruppe waren es 2,8 Prozent. Zwölf Monate später hielt die Remission bei 44,4 Prozent immer noch an. Der Langzeitblutzucker war um 1,33 Prozentpunkte gefallen, das Gewicht um knapp 6 Kilogramm, und die Ausgaben für Medikamente sanken um mehr als drei Viertel. Veröffentlicht wurde das im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism.
Welche Fastenform ist die richtige?
Eine Untersuchung, die 2025 auf dem Kongress der amerikanischen Endokrinologengesellschaft vorgestellt wurde, hat drei Wege direkt verglichen: Fastentage nach dem 5:2-Muster, tägliches Essen im begrenzten Zeitfenster und durchgehende Kalorienreduktion. Über 16 Wochen.
Beim Langzeitblutzucker und beim Gewicht schnitten alle drei ähnlich ab. Die Fastentage lagen jedoch vorn beim Nüchternblutzucker, bei der Insulinempfindlichkeit und bei den Blutfetten. Und, für die Praxis fast das Wichtigste: Sie hatten die beste Durchhaltequote. 85 Prozent blieben dabei, beim täglichen Zeitfenster waren es 78 Prozent.
Das deckt sich mit dem, was ich seit 27 Jahren beobachte. Menschen halten klar abgegrenzte Phasen leichter durch als eine dauerhafte Einschränkung, die nie aufhört.
Wo die Grenzen dieser Studien liegen
Ich möchte kein Bild malen, das schöner ist als die Wirklichkeit. Deshalb die Einschränkungen, ohne die diese Zahlen unehrlich wären:
- Die großen Untersuchungen stammen aus China, mit vergleichsweise jungen Teilnehmenden und einem hohen Männeranteil. Ob die Zahlen eins zu eins auf eine 58 Jahre alte Frau in Brandenburg übertragbar sind, weiß niemand.
- In beiden großen Studien wurde nicht frei gefastet, sondern mit definierter Formulanahrung und enger Begleitung. Das ist etwas anderes als „einfach mal das Frühstück weglassen“.
- Eine Übersichtsarbeit von 2025 zeigt deutlich: Die Effekte bestehen, solange gefastet wird, und verschwinden wieder, wenn man aufhört. Fasten bei Typ-2-Diabetes ist kein Einmalprojekt, sondern eine dauerhaft veränderte Ernährungsweise mit wiederkehrenden Fastenphasen.
- Remission ist nicht Heilung. Die Veranlagung bleibt. Wer zu den alten Gewohnheiten zurückkehrt, bekommt in aller Regel auch die alten Werte zurück.
In Deutschland läuft am Deutschen Diabetes Zentrum gerade die IFIS-Studie, die untersucht, wie sich die 16:8-Methode auf die Insulinausschüttung von Menschen mit Typ-2-Diabetes auswirkt. Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse, weil hier zum ersten Mal eine europäische Gruppe systematisch untersucht wird.
Sicherheit zuerst: das ist keine Empfehlung zum Alleingang
Der wichtigste Absatz dieses Artikels: Wenn du Medikamente gegen Diabetes nimmst, darfst du nicht einfach anfangen zu fasten. Die Dosis muss vorher ärztlich angepasst werden, sonst wird es gefährlich. Das ist keine Formalie, sondern der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr schlechten Ausgang.
Besondere Vorsicht gilt bei diesen Punkten:
- Insulin und Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid oder Glimepirid: Sie senken den Blutzucker unabhängig davon, ob du isst. Beim Fasten droht eine schwere Unterzuckerung.
- Gliflozine, also SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin oder Dapagliflozin: In Kombination mit Fasten steigt das Risiko einer Ketoazidose, die auch bei normalen Blutzuckerwerten auftreten kann und ein Notfall ist. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft weist ausdrücklich darauf hin.
- Typ-1-Diabetes: Hier gelten völlig andere Regeln. Fasten ohne diabetologische Begleitung ist keine Option.
- Ebenfalls nicht geeignet: Schwangerschaft und Stillzeit, Untergewicht, eine Essstörung in der Vorgeschichte, fortgeschrittene Nieren- oder Lebererkrankungen, akute Infekte und die Zeit direkt vor und nach einer Operation.
Wer Metformin nimmt und sonst gesund ist, hat es vergleichsweise einfach, denn Metformin verursacht allein keine Unterzuckerung. Aber auch hier gilt: erst mit der Ärztin sprechen, dann anfangen. Und in den ersten Fastentagen öfter messen als sonst.
Wie ein sanfter Einstieg aussehen kann
Wenn ärztlich nichts dagegen spricht, würde ich niemandem raten, mit einer Fastenwoche zu beginnen. Der Weg, der in der Praxis am besten funktioniert, geht in Stufen:
- Stufe eins: Essenspausen einführen. Drei Mahlzeiten, dazwischen nichts außer Wasser und ungesüßtem Tee. Kein Keks zum Kaffee, keine Handvoll Nüsse zwischendurch. Allein das senkt die Zahl der Insulinausschüttungen pro Tag erheblich.
- Stufe zwei: das Abendessen vorziehen und die letzte Mahlzeit drei Stunden vor dem Schlafengehen setzen. Danach ein Spaziergang von zehn Minuten. Der senkt die Blutzuckerspitze nach dem Essen messbar. Warum das früher gelegte Abendessen so viel bewirkt, steht in Früheres Abendessen.
- Stufe drei: das Essensfenster langsam verkleinern, zunächst auf zwölf Stunden, dann in Richtung 16:8. Für viele Frauen sind 14 Stunden Pause der bessere Dauerzustand als 16.
- Stufe vier: eine begleitete Fastenwoche, wenn Blutzucker und Medikation stabil eingestellt sind und die Ärztin zustimmt. Wie so eine Woche abläuft, beschreibe ich im Leitfaden zum Fastenwandern.
Wichtig ist die Reihenfolge. Wer bei Stufe eins schon merkt, dass die Werte in Bewegung kommen, hat mehr gewonnen als jemand, der eine Woche durchzieht und danach zurückfällt.
Was ich in der Praxis beobachte
Viele Teilnehmerinnen berichten mir, dass sich in einer Fastenwoche etwas verschiebt, das mit Zahlen schlecht zu fassen ist: Der ständige Hunger auf Süßes lässt nach. Nicht durch Disziplin, sondern weil er einfach nicht mehr da ist. Das ist der Moment, in dem eine Umstellung möglich wird, die vorher unmöglich schien.
Und noch etwas höre ich oft: die Erleichterung darüber, überhaupt wieder Einfluss zu haben. Eine Diagnose, die sich wie ein Urteil angefühlt hat, wird zu etwas, an dem man arbeiten kann. Das allein verändert schon viel.
Mein Fazit
Die Forschung legt nahe, dass strukturiertes Fasten bei Typ-2-Diabetes zu den wirksamsten Ansätzen gehört, die wir kennen, und zwar in einer Größenordnung, die mit Medikamenten mithalten kann. Gleichzeitig ist es der Ansatz, der die engste ärztliche Begleitung braucht, weil das Zusammenspiel mit den Medikamenten sonst gefährlich wird.
Wenn du mit dieser Diagnose lebst und über Fasten nachdenkst, ist der erste Schritt kein Fastentag, sondern ein Gespräch. Nimm diesen Artikel mit zu deiner Ärztin und frag konkret nach der Anpassung deiner Medikamente. Danach reden wir gern über den Weg.
Quellen
- EARLY-Studie, JAMA Network Open, Zusammenfassung des Deutschen Gesundheitsportals: Intervallfasten als Erstbehandlung bei Typ-2-Diabetes
- Yang und Kollegen, Effect of an Intermittent Calorie-restricted Diet on Type 2 Diabetes Remission, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism: zur Studie
- Vergleich von Fastentagen, Essensfenster und Kalorienreduktion, vorgestellt bei ENDO 2025: zur Zusammenfassung
- Deutsches Diabetes Zentrum zur IFIS-Studie: Hilft Intervallfasten bei Typ-2-Diabetes?
- Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zu Ketoazidosen unter Gliflozinen: zur Bekanntgabe
Häufige Fragen
- Darf ich mit Typ-2-Diabetes fasten?
- Oft ja, aber nie im Alleingang. Entscheidend ist deine Medikation: Wer Insulin, Sulfonylharnstoffe oder SGLT2-Hemmer nimmt, braucht vor dem ersten Fastentag eine ärztliche Anpassung der Dosis. Wer nur Metformin nimmt und sonst gesund ist, hat es einfacher, sollte das Vorhaben aber ebenfalls vorher ärztlich besprechen.
- Wie stark senkt Fasten den Langzeitblutzucker?
- In der EARLY-Studie sank der HbA1c in der Fastengruppe um 1,9 Prozentpunkte, unter Metformin um 1,6 und unter Empagliflozin um 1,5 Prozentpunkte. In einer zweiten Untersuchung mit wiederkehrenden Fastenzyklen waren es 1,33 Prozentpunkte. Das sind Werte, die in der Größenordnung einer medikamentösen Ersttherapie liegen.
- Kann Typ-2-Diabetes durch Fasten verschwinden?
- Es gibt Remission, also normale Werte ohne Medikamente: In einer Studie waren nach drei Monaten 47,2 Prozent der Fastengruppe in Remission, nach zwölf Monaten noch 44,4 Prozent. Remission ist aber keine Heilung. Die Veranlagung bleibt, und mit den alten Gewohnheiten kommen in aller Regel auch die alten Werte zurück.
- Welche Fastenform eignet sich bei Typ-2-Diabetes am besten?
- Beim Langzeitblutzucker und beim Gewicht schneiden 5:2-Fastentage, ein tägliches Essensfenster und durchgehende Kalorienreduktion ähnlich ab. Die Fastentage lagen bei Nüchternblutzucker, Insulinempfindlichkeit, Blutfetten und Durchhaltequote vorn. Für den Einstieg empfehle ich trotzdem zuerst feste Essenspausen und ein früheres Abendessen.
- Welche Medikamente sind beim Fasten besonders riskant?
- Insulin und Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid oder Glimepirid senken den Blutzucker unabhängig vom Essen, hier droht eine schwere Unterzuckerung. Bei Gliflozinen (SGLT2-Hemmern) wie Empagliflozin oder Dapagliflozin steigt in Kombination mit Fasten das Risiko einer Ketoazidose, die auch bei normalen Blutzuckerwerten auftreten kann und ein Notfall ist.
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Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Er ist keine Aufforderung, verordnete Medikamente abzusetzen oder zu verändern. Bitte besprich jede Ernährungsumstellung und jedes Fasten vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.